Das Syndikat
La Polizia Ringrazia (IT)
Ipotesi Del Capo Della Squadra Omicidi (Italo-Alternativtitel)
From The Police... With Thanks (NL)
JAHR:1971

PRODUKTION: I/D; Primere Italiana/Dieter Geissler Filmproduktion
REGIE: Stefano Vanzina
DARSTELLER: Enrico Maria Salerno (Kommissar Mario Bertone), Mario Adorf (Staatsanwalt Ricciuti), Jürgen Drews (Michele Settecarmine), Marieangela Melato (Sandra), Franco Fabrizi (Bettarini), Cyril Cusack (Stolfi), Laura Belli (Anna Maria Sprovieri), Corrado Gaipa (Anwalt Armani), Giorgio Piazza, Ezio Sancrotti (Kommissar Santalamenti), Pietro Tiberi, Diego Reggente, Ada Pometti, Sergio Serafini, Fortunato Cecilia, Ferdinando Murolo (Anführer des „Geheimbunds“), Gianfranco Barra (Esposito), Romualdo Buzzanca, Giovanna Di Vito, Riccardo Mangano, Giovanni Solari, Franz Treuberg, Valentino Macchi, Luciano Bonanni (Raf Valenti)
DREHBUCH:Lucio De Caro, Stefano Vanzina, Dieter Geissler
KAMERA: Riccardo Pallottini
MUSIK: Stelvio Cipriani
SCHNITT: Roberto Perpignani (it. Fassung), Jutta Brandstaedter (dt. Fassung)
KINO: 17.11.1972 - CINERAMA
VIDEO: VPS
LÄNGE:1h 24min 52sec (VPS)

Hereinspaziert meine Damen und Herren! Heute präsentieren wir ihnen den allerersten Polizeifilm, verpackt in einer unscheinbaren VPS-Cassette. Wenngleich auch der Titel Das Syndikat etwas danebenliegt („Der Geheimbund“ wäre schon passender gewesen), so haben doch die Texter mit ihrer Bezeichnung „ein intelligenter Klasse-Thriller“ absolut recht. Mit diesem Film fing also alles an, das Genre der „Poliziesci“ (teilweise auch „Poliziottesci“ genannt) war geboren. Unzählige Epigonen profitierten vom Erfolg des Erstlings, und heutzutage gibt es eine unübersehbar wachsende Fan-Gemeinde, die es leid ist, immer nur Horrorfilme oder Giallos zu konsumieren. Wenn wir nun schon einen Ausflug in die Geschichte wagen, so muß das Genre auch einmal definiert werden. Was macht einen typischen Polizeifilm aus? Das Syndikat gibt die Antworten. 1. Im Mittelpunkt steht immer ein eigensinniger/erfolgreicher/kompromißloser Kommissar, der für ein ausgleichendes Privatleben keine Zeit zur Verfügung hat. 2. Sowohl Presse als auch Vorgesetzte machen den Kriminalisten ständig zum Sündenbock, weil dieser wahlweise zu lasch (selten) oder zu brutal vorgeht. 3. Die Geschichten um Gangster und Ganoven sind zumeist episodenhaft aufgebaut, hin und wieder bekommt die Handlung sogar politische Dimensionen (wie auch im vorliegenden Fall).

Die Ehre, der erste Leinwandheld in diesem Genre zu sein, erhielt der vom Theater stammende Enrico Maria Salerno, welcher seiner Rolle eine gewisse Seriosität verleiht. In den nächsten Jahren wurde er auf diesen Typus festgelegt und spielte z.B. in der (inoffiziellen) Fortsetzung Der unerbittliche Vollstrecker von Roberto Infascelli, hier noch Produzent. Kurz danach trat Salerno in Romolo Girolamis überdurchschnittlichem Auf verlorenem Posten auf, ein weiteres Elaborat von Schuld und Sühne. Schon bald aber wandelte sich der Typus des Kommissars und „härtere“ Typen waren gefragt, wohl auch als Reaktion auf die immer weiter um sich greifende Kriminaliät. Leute wie Milian oder Merli übernahmen das Kommando, Salerno hingegen wurde selber Regisseur und erschien nur noch vereinzelt auf der Bildfläche. Nun gut, in Vanzinas Sahnestück muß Kommissar Bertone (Salerno) gleich an zwei Fronten seinen Mann stehen. Da wäre zum einen die tägliche Brutalität, die sich in brutalen Übergriffen auf Geschäftsleute manifestiert. Einer der Vertreter dieser neuen, rücksichtslosen Verbrechergeneration ist Jürgen Drews, bzw. sein Charakter Michele. Der Schnulzensänger erweist sich als absoluter Glücksfall in der Besetzung dieses deutsch co-produzierten Streifens, da er die richtige Mischung aus schauspielerischer Unbedarftheit und natürlicher Brutalität mitbringt. Eine gewisse Affinität zum Kino verleugnete er auch in den Folgejahren nicht, er komponierte die Musik zum Pornohaus von Amsterdam und dem Pädophilen-Klassiker Spielen wir Liebe. In Siami Tutti In Liberta Provvisoria spielte er eine weitere tragende Rolle, was wohl auch in der Bravo-Realität der siebziger Jahre nicht anders war. Michele und sein Freund ermorden bei einem ihrer Raubzüge eine alte Frau und werden fortan nicht nur von Bertones Einheit gesucht. Plötzlich taucht auch eine Art Exekutivkommittee auf, welches Verbrecher und anderes Gesindel (Prostituierte, Gewerkschaftler) auf grausame Weise ihrer von der Justiz nicht verhängten Strafe zuführt. Bertone kocht vor Wut, einerseits ist er selber nicht gut auf das lasche System (verkörpert durch einen ungewöhnlich ruhigen Mario Adorf in der Traini-Rolle) zu sprechen, andererseits ist er viel zu korrekt, um solchen Selbstjustizlern die Macht zu überlassen. Auch Merli war ja mal in so einer Truppe (Verdammte, heilige Stadt). Vanzina pflegt hier wieder einmal die alte Verschwörer-Theorie von rechts, auch Rosi und Damiani thematisierten dies häufig (Ich habe Angst, Macht und ihr Preis). Allein diese Tatsache sollte allen den Wind aus den Segeln nehmen, die Polizeifilme als faschistisch geprägt bezeichnen (schaut lieber mal nach Amerika!).

Insgesamt ist das hier einer der besten Versuche im Genre, tolle Nebendarsteller (Melato aus Nada, Laura Belli, der Ire Cusack) und die ausgezeichnete Musik Ciprianis runden die Sache ab. Besonders beeindruckend kommt das Ende daher, und dies alles haben wir Vanzina zu verdanken, der später nur noch halbwegs lustige Sachen wie die Plattfuss-Serie auf die Reihe brachte. Für den Kenner absolut unverzichtbar und beim Filmfestival in San Sebastian 1972 sogar mit der „Goldenen Muschel“ ausgezeichnet!
(TK)